Die in SEHNSUCHTSORTE versammelten Texte und Gespräche beschäftigen sich aus religiöser Perspektive mit den gravierenden Änderungen der sozialen und kulturellen Funktion städtischer Zentren und fragen, was diese Veränderungen für die Religion in den Städten bedeutet.

SEHNSUCHTSORTE ist gleichzeitig ein selbstständiger Fotoband, der in Köln, Düsseldorf, Oberhausen, Hamburg und Berlin rund um sieben Citykirchenprojekte städtisches Leben und (Sinn-) Suche zeigt.

Die Autoren und Gesprächspartner – alle sind evangelische Theologen – sind Handelnde in den urbanen Zentren. Sie leiten Citykirchenprojekte. Sie agieren in der Mitte der ruhelosen Stadt.

PETRA BAHR – die einzige Autorin, die nicht in einem Citykirchenprojekt arbeitet – beschreibt das Besondere von Kirchenräumen in der Stadt (mit einem Begriff Foucaults) als „Heterotopien“, als Orte also, die verschiedene Wirklichkeiten zugleich zulassen und heterochronisch strukturiert sind. Sie sind „Orte außerhalb aller Orte“ und „Raum aller Zeiten“. Mitten in den städtischen Zentren, die nicht nur hoch-inszeniert sondern auch reguliert und kontrolliert sind, sind Kirchen Inseln einer ganz anderen Wirklichkeit.

BERTOLD HÖCKER war bis November 2009 Citykirchenpfarrer in Köln. An einer der meist frequentierten Einkaufsstraßen Europas – mitten im Strom der Passanten, die nach Erlösung im Akt des Kaufs suchen - steht die Antoniterkirche. Ganz in der Nähe aber auch: Schauspielhaus, Oper, Philharmonie, Rundfunk, Fernsehen usw. Hier sammeln sich die Kreativen. Hier sind die Bühnen der „Entertaining City“. Bertold Höcker denkt in dem hier abgedruckten Gespräch darüber nach, wie die kreativen Leitmilieus der urbanen Gesellschaft in der Religion, der religiösen Praxis, den religiösen Riten und der religiösen Kultur dem Göttlichen begegnen können.

UWE VETTER beschreibt, was das Spezifische der Citykirchenarbeit ist. Er beginnt dabei damit, die starken Veränderungen in den Lebensformen, dem Freizeitverhalten und den sozialen Bindungen als Ursache der Schwächung der kirchlichen Ortsgemeinden zu identifizieren. Er schildert, was er in seiner fast sechsjährigen Arbeit in London und Oxford als vielfältige Formen der Citykirchenarbeit kennengelernt hat und wie eine solche Arbeit hier aussehen kann.

STEFAN ZÜCHNER arbeitet im ökumenischen Kirchenzentrum am CentrO in Oberhausen. Das CentrO wird jährlich von 23 Millionen Menschen besucht. Züchner ist keineswegs mit einer verkürzten Kultur- oder Konsumkritik unterwegs, wenn er die quasi-religiösen Inszenierungen der Shopping Malls beschreibt, sondern er fragt: Drückt sich im Erlebniskauf vielleicht die Sehnsucht nach dem „Irdischen Paradies“ aus? Wie attraktiv sind dagegen die religiösen Glücksverheißungen noch?

ANTJE HEIDER-ROTTWILM begreift die Hamburger HafenCity einerseits als ein interessantes städtebauliches Experiment, das sowohl ökologische Vernunft als auch die gebauten Voraussetzungen für lebendige soziale Kontexte, zwischen Leben, Arbeiten, Freizeit und Kultur herstellen soll und versucht andererseits die Rolle der Religion beim Community-Building zu bestimmen.

UWE HEINRICH fragt sehr eindringlich, was in unserer Gesellschaft „Option für die Armen“ bedeutet und ob Religion beantworten kann, was heute soziale Gerechtigkeit beinhalten sollte. Er ist Seelsorger in der Hamburger Rathauspassage. In einem U-Bahn-Zugang unter dem imposanten Hamburger Rathaus liegen fünf einfache und klug geführte unterirdische Läden. Die Arbeit wird von Ein-Euro-Jobbern und Ehrenamtlichen getragen.

MARTIN GERMER arbeitet an einem weit über Berlin hinaus wichtigen und sehr populären Erinnerungsort: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist ein sehr lebendiges Mahnmal gegen den Wahnsinn des Krieges. Ihr Bild prägt die City-West. In Konkurrenz zu Berlin-Mitte bleibt die City-West das heftig pulsierende kreative zweite Zentrums Berlins.

PETRA ZIMMERMANN arbeitet an einem ebenfalls erinnerungspolitisch hoch aufgeladenen Ort. Die Moderne hatte schon längst ihren Siegeszug angetreten, als der Berliner Dom als „Petersdom des Protestantismus“ noch ein wilhelminisches Zeichen setzen sollte. In der Zeit der Herrschaft des Nationalsozialismus missbrauchten Nazis und „Deutsche Christen“ ihn als Repräsentationsort. Aber auch der Widerstand der Bekennenden Kirche hatte hier einen Ort. Heute gibt es dort wieder eine wachsende Gemeinde und jährlich besuchen 800.000 Menschen den Dom.

Der Fotoessay von MARTIN BROCKHOFF ist zwischen Frühjahr und Sommer 2009 in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Köln und Oberhausen entstanden. Martin Brockhoff fotografierte rund um die sieben Citykirchenprojekte, deren Protagonisten sich im Textteil dieses Buches über die Stadt, deren Logik und Religion äußern. Brockhoff bebildert nun diese Texte nicht. Er zeigt klassische Themen der sozialkritischen Stadtfotografie: Armut, Reichtum, Glanz und Elend, Einsame und Verlassene, Selbstinszenierungen und demonstrative Gesten des Luxus und findet dafür beeindruckende Bilder. Doch er vermeidet strikt den „aufklärerischen“ Gestus.

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